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Hallo, gestatten, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Donner; kein besonders origineller Name, aber so steht es in meinem Pferdepass. Ich bin ein Huzule – ein heller Brauner mit Aalstrich, Zebrastreifen an den Vorderbeinen und blon­­den Strähnen in der Mähne – eben ein echtes Urwildpferd. Meine Vorfahren stammen aus Russland. In welchem Land ich geboren bin, wissen meine jetzigen Besitzer nicht und meine geographischen Kenntnisse sind sehr beschränkt; mein Vorvorbesitzer hat mich aus der Tschechei geholt. Schon als Fohlen hat man mir einen Schnitt ins rechte Ohr gemacht, was mir zu Recht den Spitznamen „Schlitzohr“ eingebracht hat – bin ich doch durchaus ein schlauer Bursche. Übrigens eine sehr schmerzhafte Art der Kennzeichnung, die meiner Ansicht nach dringend abgeschafft gehört – sollen sich die Menschen doch ihre eigenen Ohren ihrer Eitelkeit zuliebe durchstechen und Schmuck daran hängen, aber unsere in Ruhe lassen!

Mein im Pass vermerktes Geburtsjahr, 1994, dürfte gemäß Tierarztschätzung etwa stimmen; mir selbst ist die Zeitrechnung der Menschen ziemlich schnuppe – wichtig ist, dass ich gesund bin und eine gute Unterkunft mit entsprechender Verköstigung habe. Seit rund acht Jahren bin ich nun in Vorarlberg und hatte dort schon drei verschiedene Besitzer und Stallungen. Beim ersten bin ich fast nur gefahren worden und war im Kutschenmarathon sehr erfolgreich; allerdings ein sehr mühseliger Job. Danach kam ich zu einer Familie mit Kind, die geritten, auch gesprungen - weniger mein Fall, da anstrengend – und nur noch zum Spaß Kutsche mit mir gefahren sind.

Futtermäßig wurde ich dort gut versorgt, auch Leckerlis gab es reichlich - zu reichlich wie ich beim Blick auf alte Fotos zugeben muss. Nur die Bewegung kam zu kurz und manchmal wurde es mir ziemlich langweilig in meiner Box. Auf die Koppel mit anderen Pferden kam ich für meinen Geschmack - das ist auch wörtlich zu nehmen! - viel zu selten.

Eines Tages, es war schon Abend – nicht gerade meine bevorzugte Arbeitszeit – kamen zwei Frauen und ein Mann vorbei, um mich, wie sie sagten, „probezureiten“. Anfangs machte ich gute Miene zu bösem Spiel und lief brav im Schritt und Trab durch die Halle. Auch den ersten Galopp machte ich noch mit. Als dann der zweite Reiter kam, zog ich schon merklich Richtung Bandenlücke. Unbezahlte Überstunden sind einfach nicht mein Ding – das ist bei Euch Menschen doch auch nicht anders. Bei der dritten Reiterin, wie ich später erfuhr die „Reitbeteiligung“ des Paares, hatte ich dann endgültig die Nase voll. Vehement drängte ich zum Ausgang, bis sich der aktuelle Besitzer vor den Bahnzugang stellte und mir von hinten einen Schlag mit der Gerte versetzte. Mein empörter Satz nach vorn brachte meine überraschte Reiterin, zumal ohne Sattel, leicht in Bedrängnis. Zum Glück stürzte sie nicht – und mittlerweile sind wir gute Freunde, sie nennt mich sogar liebevoll „Schatzi“. …
 


 
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